Archiv der Kategorie: Raum

Orbit-Palast: Indizien für Typen und Räume freigesetzter Zeit

Feldforschungs- und Kunstprojekt, 06/2003 bis 06/2004, zusammen mit Jens Fischer, Katja Heinecke und Reinhard Krehl (Leipzig) sowie Nils Emde (Hamburg) – Installation, 7 Lambda-Prints in Leuchtkästen, 179,5 x 123 x 15 cm / 135,5 x 123 x 12,5 cm, Sitzmobiliar – Beitrag zur Ausstellung Shrinking Cities, KunstWerke Berlin, 2004

Orbit Palast untersucht als künstlerischer Beitrag zur Ausstellung Shrinking Cities die komplexe Struktur städtischer Räume unter dem Aspekt von freigesetzter Zeit. Wie verbringen Menschen in Gebieten, die gleichermaßen von De-Industrialisierung und einem hohem Maß an brachgefallenen Räumen gezeichnet sind, ihre Zeit? Recherchiert wurde, wie Menschen, deren Tagesablauf nicht (mehr) dem rigiden Zeitschema fordistischer Produktion folgt, ihren Alltag abseits institutionalisierter Maßnahmen und professioneller konsumorientierter Freizeitangebote herstellen. Welche Räume nutzen und erschaffen sie für ihre Aktivitäten? In welche sozialen, informellen und sozio-ökonomischen Kontexte sind diese (Handlungs-)Räume eingebunden? Und wie verändert sich die Vorstellung von »Arbeit« und »Freizeit«, wenn – angesichts hoher Arbeitslosigkeit – »Arbeit als Luxus« und »Freizeit als Makel« erscheint?

Die im »Orbit Palast« auftauchende städtische Orte heißen »Orbit«. »Orbit« ist der Raum, an dem die freigewordene Zeit zu Hause ist. »Orbit« kann Zeichen und Rest einer großen, nicht wieder herstellbaren Erzählung sein. Er kann aber auch der Raum sein, von dem aus die neue Zeit geordnet wird, neue Verbindungen und Reaktionen entstehen. In Erzählungen und Fotos sind sieben Figuren dokumentiert: der »Clubmacher«, der »Spontan-Angler«, der »Dazwischen-Händler«, die »Freeriders«, die »Katzenmutti«, die »Fußballpartisanin« und die »Imbissfamilie«.

Download: Orbit Palast. Orte und Kulturen freigesetzer Zeit

Leipzig Protestatlas

Publikations- und Kartierungsprojekt zusammen mit Reinhard Krehl, niko.31 (Leipzig) und Jan Wenzel, Spector Books (Leipzig), 12/2004 bis 06/2005

»Sobald man geografische, ökonomische oder demografische Daten kartiert, handelt man politisch, weil man notwendigerweise eine Auswahl treffen muss«, schreibt der Kartograf Philippe Rekacewicz. Karten sind seit jeher Instrumente der Raumbeherrschung. Sie versammeln Wissen über ein meist klar abgegrenztes Territorium, dienen der Orientierung und sind Voraussetzung für bestimmte Handlungen in diesem Raum. Vor diesem Hintergrund entstand ein Atlas lokaler Protestbewegungen Leipzigs.

Räumlich gesehen ist städtischer Protest eine Form der Handlung, die in der Regel nicht über einen eigenen Ort verfügt, sondern temporär in den Raum der Anderen, der Herrschenden eindringt und dort Regeln außer Kraft setzt. Leipzig Protestatlas dokumentiert und visualisiert räumliche und zeitliche Dimensionen lokaler Protesthandlungen. Auf zwei Überblickskarten werden symbolträchtige Protestorte markiert, auf kleinmaßstäblichen Karten werden die Zusammenhänge zwischen Orten und konkreten Protesthandlungen sichtbar gemacht und die Choreografie von Protestereignissen visualisiert.

Die Publikation umfasst 144 Seiten mit 6 ausklappbaren Karten und Texten u. a. von Dieter Rink und Kai Vöckler.

Download: Flyer Protestatlas – Übersichtskarte

Stadiumworlds – Football, Space and the Built Environment

Ringvorlesung (2006) und Buchprojekt (2010), zusammen mit Sybille Frank

Fußball zählt zu den populärsten Sportarten weltweit und wird an den unterschiedlichsten Orten gespielt: auf der Straße, auf Bolzplätzen, in Parks, auf abgegrenzten Spielfeldern, in Turnhallen und – im Stadion. Während die meisten dieser Orte nur so lange ein »Fußballort« sind, wie dort tatsächlich Fußball gespielt wird, »verkörpern« Stadien diesen Sport auch jenseits seiner direkten Aufführung.

Das Ziel von Stadium Worlds war es, Fußball als sozio-kulturelle Praxis zu beleuchten und das Zusammenspiel dieser Praxis mit ihrer gebauten Umwelt genauer unter die Lupe zu nehmen. Dafür haben wir eine Doppelperspektive entwickelt: Zum einen lassen sich Fußballstadien hervorragend für gesellschaftsdiagnostische Analysen heranziehen – in ihnen verdichten sich architektonische, ökonomische und gesellschaftliche Trends wie unter einem Brennglas. Zugleich fungieren sie als »Reservate«, denn in ihrem Inneren sind Handlungsweisen und Geschlechterkonstruktionen möglich, die außerhalb als nicht (mehr) akzeptabel gelten.

Das Projekt Stadium Worlds begann als interdisziplinäre Ringvorlesung im Sommer 2006 am Institut für Soziologie der TU Darmstadt und resultierte 2010 im Buch Stadium Worlds – Football, Space and the Built Environment (New York/London: Routledge). In Vorlesung und Buch sind Beiträge aus den Bereichen Architekturtheorie, Medienwissenschaft, Archäologie, Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie versammelt, die sich mit Themen wie Werbung, Migration, Fankulturen, lokalen Identitäten, Gefühlen, Körper und Geschlecht auseinandersetzen.

Download: Flyer Ringvorlesung

Link zum Verlag

»Wir sind die Stadt!« Kulturelle Netzwerke und die Konstitution städtischer Räume in Leipzig

Dissertationsprojekt: 10/2002–10/2007

Im Mittelpunkt der empirischen Studie »Wir sind die Stadt!« stehen die raumkonstituierenden Alltagspraktiken von Angehörigen der creative industries in Leipzig. Grundlage dafür war eine, an der Forschungsmethodik der Chicago School orientierte ethnographische community study.

Die Studie führt zunächst in die gesellschaftlichen Problemverschiebungen der letzten Jahrzehnte ein. Entlang der Kategorien »Stadt«, »Raum«, »Ökonomie« und »Kultur« wird ein eigenes Verständnis räumlicher Vergesellschaftung entwickelt. Vor dem Hintergrund der offiziellen Inszenierung Leipzigs als einer Stadt der schlummernden Potentiale (»Dornröschen-Motiv«) werden Orte der Popkultur und der zeitgenössischen Kunst im öffentlichen Raum sowie deren Akteure in »dichten Beschreibungen« vorgestellt. 

Die Arbeit macht deutlich, wie räumliche (An)Ordnungen heute zum Ziel und Mittel von Widerstandskulturen werden. Sie liefert damit nicht nur neue Ansätze für die stadt- und raumsoziologische Grundlagenforschung, sondern lotet zugleich Potentiale zeitgenössischer Formen von Kritik aus.

Download Text: Doing Leipzig. Räumliche Mikropolitiken des Dazwischen

Link zum Verlag

Wissenssoziologische Architekturforschung

Habilitationsprojekt: 10/2007–04/2013

Émile Durkheim zufolge besteht die »erste und grundlegendste Regel« soziologischen Denkens darin, die sozialen Tatsachen »wie Dinge zu betrachten«. Was aber passiert, wenn man diese Perspektive umdreht und die (gebauten) Dinge als soziale Tatsachen begreift?

Die in meinem Habilitationsprojekt entwickelte wissenssoziologische Architekturtheorie schließt an die Argumentation an, die Peter L. Berger und Thomas Luckmann 1966 in »The Social Construction of Reality« entwickelt haben. Laut Berger und Luckmann basiert die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit auf einem dialektischen Zusammenspiel von Externalisierung, Objektivation und Internalisierung. Sie zeigen, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, eine ist, die erstens in kollektiven Handlungen hervorgebracht wird, dass uns diese Wirklichkeit zweitens als Tatsache – und damit im Durkheim’schen Sinne »dinghaft« – gegenüber steht und dass wir sie drittens in unser subjektives Bewusstsein übernehmen müssen, um überhaupt ein Teil dieser Wirklichkeit zu werden. Während sich Berger und Luckmann auf die Untersuchung der immateriellen Aspekte dieses Prozesses konzentrieren, zeigt die von mir entwickelte wissenssoziologischen Architekturtheorie, welche Rolle »materielle Objektivationen« – und im speziellen Gebäude – dabei spielen. 

Download: Leseprobe: Der sinnhafte Aufbau der gebauten Welt